Es ist merkwürdig still geworden um den gefallenen Engel Jörg Tauss. Die Medien beschränken sich weitgehend darauf, die beiden widersprüchlichen Aussagen des SPD-Politikers und seines Bremer Lieferanten, der weiterhin feinfühlig als “Sascha H.” bezeichnet wird, gegeneinander zu stellen. Und in der Blogosphere herrscht betretenes Schweigen. Dass Tauss tatsächlich kinderpornografisches Material käuflich erworben hat, zu welchem Zweck auch immer, ist offenbar selbst seinen Freunden ungeheuer peinlich.

Dass ein Politiker, der aktiv an der Lösung dieses Problems mitarbeiten will (und nicht, wie die anderen, betreten wegschauen) sich auch in der Branche herumtreiben muss, sollte eigentlich klar sein. Wer einen Saustall ausmisten will, bekommt zwangsläufig schmutzige Hände, ob er will oder nicht.

Allerdings hat Tauss Fehler gemacht, und er gibt sie auch zu. Er hätte sich irgendwem vorher anvertrauen müssen - der Polizei, einem Anwalt, Politikerkollegen - statt auf eigene Faust loszurecherchieren. Daraus wird ihm nun ein politischer Strick gedreht von denjenigen, denen er ohnehin immer ein Dorn im Auge war. Kaum anzunehmen, dass seine Politikerkarriere noch zu retten ist, was schade ist für die SPD, die einen der letzten verliert, der noch echte Ecken und Kanten besaß, statt alle 5000 Worte einen Ölwechsel zu benötigen. Das ist ein grundsätzliches und gravierendes Problem für unseren Staat, aber es soll hier nicht das Thema sein.

Im Fall von Jörg Tauss geht es nämlich nach wie vor um einen simplen Justizskandal, der leider inzwischen typisch geworden ist für dieses Land. Es geht um eine entfesselte, von Anstand und Eigenverantwortung völlig entkoppelte Staatsanwaltschaft, die genüßlich und vorsätzlich Menschen der öffentlichen Vorverurteilung ausliefern, wenn sie nur ja prominent genug sind.

Uns allen sind noch die Bilder vor Augen von Journalistenschwärmen, die längst schon mit gezückten Teleobjektiven vor dem Haus von Postchef Klaus Zumwinkel warteten, bevor die Beamten der Bochumer Staatsanwaltschaft überhaupt anrückten. Wenn es um einen Herrn Zumwinkel oder einen Herrn Tauss geht, plaudern die Herren in den schwarzen Roben mit jedem, der anruft und sich als Journalist ausgibt. Persönlichkeitsrechte, womöglich schützenswerte, genießt bei ihnen nur ein kleiner Gauner wie “Sascha H.”.

Es gilt, Lehren aus der causa Tauss zu ziehen. Eine davon ist: Wir brauchen schärfere Gesetze. Und zwar nicht gegen Kinderpornografen (da haben wir schon genügend gute Gesetze), sondern gegen Plaudertaschen in den Gerichtsstuben. Wir brauchen mutige Justizminister im Bund und in den Ländern, die ihre Aufsichtspflicht gegen weisungsgebundene Anklagebeamte ernst nehmen und in solchen Fällen die zur Verfügung stehenden Keulen - Suspendierung und Dienstaufsichtsverfahren - so schwingen, wie es sich gehört.

Wir Bürger haben Jahrhunderte gebraucht und viel Blut, Schweiß und Tränen vergießen müssen, um einer autokratischen Obrigkeit das Rechtsprinzip “in dubio pro reo” abzutrotzen. Wir dürfen es uns nicht hinten herum wieder aus der Hand reißen lassen.

Jörg Tauss wird das wohl nichts mehr nützen. Uns anderen dafür aber umso mehr.